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Artikel

Gut gebrüllt, Löwe!

23. Türchen des Webkrauts-Adventskalenders

In letzter Zeit redigiere ich recht viele Texte. Es sind Fachartikel von Fachleuten, und niemand erwartet in diesem Zusammenhang eine blumige Reportage. Aber in vielen Texten schreibe ich immer wieder ähnliche Stellen um. Dabei ist es gar nicht so schwer, seine eigenen Texte einmal durchzusehen, um in dem einen oder anderen Satz am Stil oder der Zeichensetzung zu feilen.

Könnte man zwar, muss man aber nicht

Man kommt ziemlich viel herum. An jeder Ecke ist er zu finden. Aktuell zum Beispiel in Sätzen wie »Wenn ja, dann sollte man aus Afghanistan sofort abziehen« oder auch »50 Photoshop Pinsel, die man haben sollte«. Muss das sein?

Ich will nun nicht darauf hinaus, ganz auf das Wort »man« zu verzichten. Aber es nervt doch, wenn es im Text davon nur so wimmelt. An vielen Stellen ist es gar nicht so schwer, stattdessen einen passenderen Akteur einzusetzen, etwa »dann sollten wir aus Afghanistan sofort abziehen«, »Pinsel, die Webworker haben sollten« oder auch »Pinsel, die Sie haben sollten«. Irgendwer ist ja immer gemeint: Ich, du, Sie, Kunden, Webworker, Autoren, Designer usw.

Andere Akteure vermeiden jenen gesichtslosen »man« – und der Leser wird stärker angesprochen.

Verben, Verben, Verben

Ein beliebtes Mittel in der Politik ist der Nominalstil. Neue Gesetze und Berichte werden erst einmal mit einem Haufen Nomen vollgestopft, als ob Verben um jeden Preis vermieden werden müssten. So kommen Beamte auf schöne Titel wie »Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur Errichtung eines Sondervermögens „Investitions- und Tilgungsfonds“«. In solchen Fällen ist es immer eine gute Idee, ein paar der Nomen durch Verben zu ersetzen. Nomen wirken sachlich, langweilig – Verben sind aktiver.

Also statt: »Die Umsetzung des Designs erfolgt in zwei Schritten« besser »Wir setzen das Design in zwei Schritten um«. Statt »Beim Start der Programmierung kümmern wir uns gleich schon um die Barrierefreiheit« besser: »Wir programmieren hier gleich barrierefrei und…«

Über all Leer zeichen

Ist irgendwer über die »Photoshop Pinsel« im Absatz oben gestolpert? Hierzulande muss es Photoshop-Pinsel heißen. Denn im Deutschen gibt es keine Leerzeichen in zusammengesetzten Wörtern. Insofern heißt es E-Mail-Adresse, Firefox-Erweiterung, HTML-Datei und aus einem eingedeutschten CMS wird ein Content-Management-System.

Weder das Gleiche noch dasselbe

Und zum Schluss: Es gibt Wörter, die zwar ähnlich klingen, aber unterschiedliches meinen. Gewöhnt und gewohnt ist so ein Fall. Anscheinend und scheinbar ist ein anderes Beispiel. Flüchten und fliehen. Wörter und Worte.

Es kann nicht schaden, ab und zu mal nachzuschlagen, ob der verwendete Begriff tatsächlich das bedeutet, was der Autor aussagen will.

Siehe auch

Zum Autor

Autorenfoto: Nicolai SchwarzNicolai Schwarz arbeitet unter dem Namen textformer mediendesign als selbstständiger Designer und Webentwickler in Dortmund. Vermutlich sorgt schon der Name dafür, dass er mehr auf Texte achtet als andere Leute. Wobei auch er sich immer freut, wenn jemand bessere Formulierungen für seine Texte finden.

»Gut gebrüllt, Löwe!« steht für: Das ist treffend formuliert. Auch wenn es oft ironisch verwendet wird.

Info:
Gut gebrüllt, Löwe! ist Beitrag Nr. 726
Autor:
Nicolai Schwarz am 23. Dezember 2009 um 07:00
Kategorie:
Adventskalender 2009

Kommentare

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  1. 1.

    Stimmt zwar alles, allerdings befürchte ich, deutsche Beamte, Politiker und Wissenschaftler wollen eben nicht von jedem verstanden werden. Der Zunftjargon hat sich gerade deshalb etabliert, damit sich diese Leute von der Masse der Laien abgrenzen können.
    BTW, was ich besondeers lustig finde, sind schiefe Metaphern: Kopenhagen war – laut ARD – eine Ohrfeige für das Klima. Ich warte nur darauf, dass das Klima seinen Kopf verliert, dann kann man ihm keine Ohrfeigen mehr geben. Mal abgesehen davon, dass dem Klima sein Wandel ziemlich egal sein dürfte.
    Mal im Ernst, selbst im Schreiben gesculten Leuten unterlaufen sehr viele Fehler, für Otto-Normal-Blogger wird es da extrem schwierig, gute Texte abzuliefern. Das Beste, was man tun kann ist, sich mit anderen zusammen zu tun und sich die Texte gegenseitig zu redigieren. Wünsche frohes Fest!

    Kommentar von domingos - 23. Dezember 2009 um 09:01

  2. 2.

    Bindestriche! Endlich sagt es jemand! Danke!

    Kommentar von Roman - 23. Dezember 2009 um 09:11

  3. 3.

    Schönes Ding, gerade bei gewöhnt & gewohnt hab ich mir bisher immer schwer getan.

    Manchmal verzichte ich aber bewusst auf einen einfachen Verben-Satz zugunsten eines Keywords wie „Barrierefreiheit“. Wenn der Leser den Satz überfliegt, bleibt er bei „Barrierefreiheit“ meiner Meinung nach eher kleben als bei „barrierefrei“; einfach, weil er es eher in dieser Form kennt.

    Dieses man ist aber echt verflixt.

    Kommentar von Markus Schlegel - 23. Dezember 2009 um 10:44

  4. 4.

    Ein wichtiger Tipp noch: Kenne deine Schwächen! Das mit dem man ist so eine Schwäche von vielen. Meine Schwäche ist z.B. das Wörtchen auch. Wenn ich es nicht vergesse, arbeite ich beim Redigieren mit der Suchfunktion jedes einzelne auch ab und prüfe, ob der Satz sich nicht treffender schreiben ließe.

    Kommentar von Markus Schlegel - 23. Dezember 2009 um 11:14

  5. 5.

    Ich bin einfach Pragmatikerin ;) ich schreibe so wie die Leute danach suchen, damit sie dann meine Website auch finden.

    Und nach mit Pinsel mag ich nicht gefunden werden wohl aber mit Photoshop Pinsel ;)

    Ich denke so manchem guten Schreiber wirds weh tun bei mir zu lesen, doch die Menschen finden zu mir.

    lg

    Kommentar von Monika - 23. Dezember 2009 um 19:57

  6. 6.

    @Markus: Ich verzichte hier absichtlich auf SEO-Aspekte. Aber selbst unter SEO-Gesichtspunkten, kann ein guter Autor Texte liefern, die der Rechtschreibung genügen und stilistisch ansprechend zu lesen sind.
    Füllwörter nutze ich auch zu viele; die fliegen beim redigieren eben raus. Allerdings behalte ich Sätze bei, die mit "Und" anfangen. Das gilt ebenso als schlechter Stil, zähle ich aber unter persönlicher Note.

    @Monika: Das ist kein Grund. Suchmaschinen finden deine Seite, egal ob du nun "Photoshop Pinsel" oder "Photoshop-Pinsel" schreibst. Und dann lieber richtig schreiben.
    Schlimmstenfalls verschreckst du sonst nämlich Leute. Wenn ich bei einem Artikel zu viele Fehler bemerke, lese ich nicht bis zum Schluss.

    Kommentar von Nicolai Schwarz - 23. Dezember 2009 um 20:41

  7. 7.

    Neben all den ganzen stilistischen Aspekten nervt mich aber in letzter Zeit zunehmend die falsche Verwendung der beiden Wörter "seid" und "seit".

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass die falsche Schreibweise weitoft öfter anzutreffen ist als die richtige Schreibeweise…

    Zu den Leerzeichen:
    Es wäre allerdings noch hinzuzufügen, dass mittlerweile auf Grund der deutschen Rechtschreibreform Wörter wie "auf Grund" oder auch viele Infinitive mit "zu" mit Leerzeichen geschrieben werden.

    Kommentar von Tarik - 23. Dezember 2009 um 22:32

  8. 8.

    Guter Journalismus und SEO ergänzen sich eben nicht wirklich: http://www.bf-g.de/berkner/2009/12/20/masse-statt-klasse/

    Ist ja auch verständlich anstatt sinnvolle Synonyme zu verwenden, schreibe ich immer das Keyword damit die Kayword-Dichte hoch bleibt. Guter Ausdruck sieht anders aus…

    Kommentar von Ulf - 24. Dezember 2009 um 11:34

  9. 9.

    Gerade wiedergefunden, passt ganz gut zum Thema: Guter Stil, klare Sprache: 20 Handwerkstipps für Einsteiger von Claudia Klinger.

    Kommentar von MI - 26. Dezember 2009 um 23:09

  10. 10.

    Sehr lustig. :-)

    Nachdem ich den Kommentar abgeschickt hatte, bin ich wieder zurück zu Claudias Artikel gegangen und habe kurz vor dem Schließen des Tabs ganz unten bei den Kommentaren den Trackback zu diesem Artikel hier gesehen und mich gewundert: Nanu, ich habe doch gerade eben erst den Kommentar bei den Webkrauts geschrieben, wieso taucht er jetzt schon hier auf?

    Doppelt verlinkt hält besser. ;-)

    Kommentar von MI - 26. Dezember 2009 um 23:16

  11. 11.

    Anmerkung: Im Deutschen ist bei zusammengesetzten Wörtern (Komposita) die Zusammenschreibung korrekt.

    Photoshoppinsel

    :-)

    Kommentar von Matthias Koch - 2. Januar 2010 um 01:59

  12. 12.

    @Matthias: Ja, das Zusammenschreiben ist erst einmal die korrekte Version, aber die Fassung mit Bindestrich ist ebenso erlaubt.
    Mit Bindestrich kann der Leser einige Komposita schneller/richtiger erfassen. In diesem Falle müsste er beim zusammengeschrieben Wort erst einmal verarbeiten, dass »pinsel« gemeint ist und nicht »insel«. So ein Bindestrich ist da ganz nützlich.

    Kommentar von Nicolai Schwarz - 2. Januar 2010 um 02:15

  13. 13.

    Uff, als ich gerade Netvibes gecheckt habe, dachte ich schon, es ginge hier um mich ;-)

    Die "man"-Sache unterläuft mir immer wieder, danke für die Anregung. Aber "Content Management Systeme" schreib ich weiterhin ohne Bindestrich, sieht mit einfach bescheuert aus. Ein wenig Kreativität wird hoffentlich erlaubt sein :)

    Kommentar von Loewenherz - 3. Januar 2010 um 19:59

  14. 14.

    Hallo Loewenherz,

    Kreativität ist toll, bloß: Im Weglassen von Bindestrichen kann ich sie nicht so recht erkennen. Außerdem geht es, wenn ich über Content-Management-Systeme schreibe, ja meist eher um Information als um Kunst. Und der Information dienen die Bindestriche allemal, denn dann sehe ich sofort, dass es um "Systeme" geht (im Deutschen ist immer das letzte Wort eines zusammengesetzten Nomens der Überbegriff) und ich muss mir nicht selbst zusammensuchen, was zusammengehört. Was die Ästhetik angeht, wüsste ich den unschuldigen Strichlein auch nichts vorzuwerfen.

    Anders ist es bei rein fremdsprachlichen Begriffen, die schreibt man ohne Bindestriche (sofern sie nicht bereits als eingedeutscht gelten): "Business Lunch" zum Beispiel oder "Black out".

    Wer sich übrigens sprachlich ein bisschen schlauer machen will, findet hier jede Menge Futter:
    http://www.protextbewegung.de/category/protext-tipps/

    Kommentar von Birgit Nußbaum - 11. Januar 2010 um 10:12

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