Im 19. Jahrhundert hofften die als »Impressionisten« verspotteten französischen Maler ihre Werke besser verkaufen zu können, indem sie ihre Bilder in schweren und schwülstigen Barockrahmen präsentierten. Geschäftlich betrachtet war diese Idee erwartungsgemäß ziemlich erfolglos. Im Bereich des Webdesigns würden wir heute nicht einmal auf den Gedanken kommen, die Präsentation über den Wert der Inhalte zu stellen. Oder?
Die Aussagen »content is king« und »form follows function« werden gern als Argumente und Prämissen bei der Konzeption von Webseiten verwendet. Die Online-Versionen klassicher Tageszeitungen zeigen, dass diese Regeln gut funktionieren, auch wenn es berechtigte Diskussionen über die Grenzen und Probleme solcher Prämissen gibt.
Betrachten wir jedoch Webseiten mit den Schwerpunkten Design, Kunst oder visuelle Kommunikation, scheinen diese Grundsätze von einigen Webdesignern bewusst oder unbewusst unterwandert zu werden. Dieses Verhalten ist allzu verständlich: zu groß ist für uns doch die Versuchung, den bunten Bildern noch einen üppigen, coolen oder zumindest gestalterisch anspruchsvollen Rahmen mit auf dem Weg zum Endnutzer zu geben. Am Ende stellt sich aber oft die Frage, ob dann tatsächlich noch der Inhalt die erste Geige spielt, oder ob nicht eher die Präsentation den Ton angibt. Dass es anders und trotzdem anspruchsvoll geht, zeigt die Webseite jeriko.de.
Jeriko ist das private Photographie- und Designweblog von Christoph Boecken. Einfach, klar und benutzerfreundlich präsentieren sich nicht nur Informationsarchitektur und Seitenelemente. Die Farbgebung und das Layout der Seite sind minimalistisch umgesetzt und fokussieren die Aufmerksamkeit des Nutzers auf die rein visuellen Inhalte. Nichts auf der Seite lenkt von den gezeigten Bildern ab. Das zweispaltige Layout kommt mit schlichter Typo, Schwarz, Weiß, wenigen Grautönen und einem gezielt eingesetzten Rot als Akzentfarbe aus. Langweilig oder benutzerunfreundlich wird sie dadurch nicht, im Gegenteil: Berauben wir die Webseite durch Abschalten der Bilder und Grafiken ihrer Inhalte, macht sich erst deren Relevanz für die Gesamtwahrnehmung und das Design bemerkbar:

jeriko.de mit Grafiken

jeriko.de ohne Grafiken
Wer hätte den Mut, so ein kastenartiges Grundlayout als Zielvorgabe der Gestaltung einer Webseite zum Thema Design und Fotografie zu wählen? Über Geschmack lässt sich aber eben nicht immer streiten, es ist der Kontext, der darüber entscheidet, ob die Präsentation von Inhalten gelingt oder nicht. Für mich ist die Jeriko-Webseite gerade auf Grund ihrer Klarheit ein Paradebeispiel, dass anspruchsvolles Webdesign ohne coole Hintergrundgrafiken, CSS-Effekte und gewagte Farbkombinationen perfekt funktionieren kann. Diese Reduzierung auf die Inhalte macht die Seite für mich nicht nur zu einem regelmäßigen Anlaufpunkt zum Thema Fotografie, Design und Inspiration – sie ist auch an trüben Tagen meine entspannende und anregende Sonnenseite.
Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt regelmäßig über Kommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und Webdesign.
Dies ist ein Text zur Aktion Sonnenseiten: Webkrauts loben – höchst subjektiv – einzelne Details von Webseiten. Entgegen unserer Gewohnheit steht diesmal nicht der Quelltext, sondern die Idee im Mittelpunkt.
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Schönes gleichnis mit den barocken Rahmen. Das verwende ich bestimmt mal in nem Kundengespräch..
Kommentar von nik - 1. Juli 2010 um 14:08